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Rezension

DIE NICKEL BOYS von Colson Whitehead

Ich hadere momentan sehr mit dem Bloggen. Deshalb wollte ich diese Rezension eigentlich noch aufschieben, obwohl ich es Anfang Mai gelesen habe. Aber durch die aktuelle Situation musste ich immer öfter an das Buch denken. Colson Whitehead schreibt über Rassismus und ist damit ein OwnVoice-Autor.

KLAPPENTEXT

Florida, Anfang der sechziger Jahre. Der sechzehnjährige Elwood lebt mit seiner Großmutter im schwarzen Ghetto von Tallahassee und ist ein Bewunderer Martin Luther Kings. Als er einen Platz am College bekommt, scheint sein Traum von gesellschaftlicher Veränderung in Erfüllung zu gehen. Doch durch einen Zufall gerät er in ein gestohlenes Auto und wird ohne gerechtes Verfahren in die Besserungsanstalt Nickel Academy gesperrt. Dort werden die Jungen missbraucht, gepeinigt und ausgenutzt. Erneut bringt Whitehead den tief verwurzelten Rassismus und das nicht enden wollende Trauma der amerikanischen Geschichte zutage. Sein neuer Roman, der auf einer wahren Geschichte beruht, ist ein Schrei gegen die Ungerechtigkeit.

Quelle: Hanser

MEINE MEINUNG

In “Die Nickel Boys” geht es um eine Besserungsanstalt. Das Nickel und die im Buch vorkommenden Charaktere sind frei erfunden, aber die Ereignisse sind an wahre Begebenheiten angelehnt, von denen auf der Seite officialwhitehouseboys.org von ehemaligen Insassen berichtet wird.

THEMA: RASSISMUS

Rassismus ist ganz klar das Thema dieses Buches. Und genau in dieser Hinsicht hat es mich immer wieder zum Nachdenken gebracht. Natürlich weiß ich, dass es Rassismus gibt, dass sehr viele Menschen darunter leiden. Aber mir war nicht bewusst, in wie vielen Kleinigkeiten sich Rassismus schon bemerkbar macht.

Es beginnt schon ganz am Anfang. Elwood kommt aus einem schwarzen Viertel und hat seine Großmutter immer zur Arbeit in einem Hotel begleitet. Die anderen Angestellten waren zwar nett zu ihm, aber er musste sich schon ein paar Sprüche über seine Hautfarbe anhören. Als Kind hat er die meisten gar nicht verstanden, aber als Leser ist uns natürlich klar, was die Leute wirklich meinen.

Entgegen der meisten Jungen in seinem Umfeld ist Elwood sehr gut in der Schule. So gut, dass ein Lehrer ihn unterstützen möchte und organisiert, dass er an Collegekursen teilnehmen kann. Vor der ersten Vorlesung trampt er zum College und steigt leider in das falsche Auto ein. Denn kurz darauf werden sie von der Polizei angehalten und Elwood wird zum Nickel verurteilt. Im ersten Moment dachte ich “Falscher Ort, falsche Zeit”, weil dieser Vorfall im Buch nicht eingehender beschrieben wird. Aber gerade durch die aktuelle Bewegung merke ich, dass es nicht so einfach ist. Denn Elwood ist unschuldig, das wissen alle, dennoch bekommt er kein vernünftiges Verfahren. Es war also nicht “Falscher Ort, falsche Zeit”, sondern wahrscheinlich eher “falsche Hautfarbe” für den Richter.

Dass die Diskriminierung in dem Buch hier schon beginnt, ist mir erst durch die aktuelle Bewegung bewusst geworden. Jetzt sehe ich in dem Buch noch so viel mehr Rassismus als vorher. Im Nickel herrscht ganz offene Diskriminierung. Die weißen Jungs kriegen neuere Klamotten, die schwarzen nur die abgetragenen. Die weißen Jungs kriegen die besseren Aufgaben als die schwarzen. Ein Latino wird ständig von den weißen zu den schwarzen geschickt und wieder zurück, weil er zu dunkel und zu hell ist. Auch das war krass zu lesen.

TRIGGERWARNUNG: GEWALT

Mit Benachteiligung im alltäglichen Leben ist es in diesem Buch nicht getan. Denn es geht auch um die furchtbaren Gewaltzustände in den Besserungsanstalten der 60er Jahre. Im Nickel gibt es einen offiziellen Friedhof und einen inoffiziellen. Denn ganz oft verschwinden Insassen einfach und keiner hört oder sieht jemals wieder etwas von ihnen. Elwood erfährt auch diese Gewalt, nicht nur einmal. Und an dieser Stelle möchte ich dich wirklich warnen: Unterschätze es nicht! Elwood wird nicht nur verprügelt, er wird mit dem Gürtel ausgepeitscht und es wird deutlich beschrieben, was vor sich geht, wie er sich danach wochenlang nicht bewegen kann. Solche Ereignisse gibt es in dem Buch öfter.

FAZIT

Eigentlich hat mir das Buch gar nicht so besonders gefallen. Es ist gut geschrieben, aber hat mich spannungstechnisch einfach nicht so gepackt. Aber gerade wirkt es extrem nach. Durch die ganzen Erfahrungen mit Rassismus, die online geteilt werden und gerade jetzt so viel Aufmerksamkeit bekommen, habe ich ein ganz anderes Bild von dem Buch erlangt. Und ganz andere Intentionen des Autors entdeckt. Deshalb hat sich das Lesen auf jeden Fall gelohnt; denn das Buch ist ein Augenöffner.


DIE NICKEL BOYS von Colson Whitehead

2019 | 224 Seiten
erhältlich als Hardcover | Taschenbuch | eBook

Meinungen anderer Leser

The read pack

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4 COMMENTS
  • Zeilentänzerin
    4 Monaten %1$s %2$s vor %3$s (%4$s)

    Schade, liebe Kate, dass dich das Buch nicht so mitreißen konnte. Ich habe es (noch) nicht gelesen, werde mich aber demnächst damit auseinandersetzen, gerade weil es so ein wichtiges, brisantes und aktuelles Thema behandelt.

    • Kate
      4 Monaten %1$s %2$s vor %3$s (%4$s)
      Autor

      Ich glaube gerade mit dem aktuellen Hintergrund kann einen diese Geschichte noch einmal ganz anders fesseln. Ich wünsche dir ganz viel Spaß beim Lesen 🙂

  • Dana
    4 Monaten %1$s %2$s vor %3$s (%4$s)

    Hallo liebe Kate,

    oh wow, das Thema des Buches klingt unheimlich interessant und leider extrem aktuell und heftig. Allein deswegen werde ich es vermutlich mal im Auge behalten, auch wenn es dich nicht hundertprozentig überzeugen konnte. ^^

    Liebe Grüße
    Dana

    • Kate
      4 Monaten %1$s %2$s vor %3$s (%4$s)
      Autor

      Hallöchen,
      ich denke mit dem aktuellen Hintergrund hätte ich das Buch mit etwas anderen Augen gelesen. Vielleicht wäre mein Eindruck dann noch ein bisschen anders gewesen. Es lohnt sich aber auf jeden Fall!
      Liebste Grüße

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