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Rezension

Mein erstes #dbp-Buch: VATER UNSER von Angela Lehner

Als ich die diesjährige Longlist gesehen habe, bin ich fast vom Glauben abgefallen. Es ist tatsächlich mal ein Buch nominiert, das ich schon Zuhause liegen habe. Denn als „Vater unser“ erschien, hat mich das Cover geradezu angesprungen (bei den Farben kein Wunder). Es war jedenfalls die perfekte Gelegenheit das Buch endlich zu lesen.

Bücher, die zum #dbp nominiert sind, haben ja häufig den Ruf, nicht unbedingt für das breite Publikum geeignet zu sein. Hätte mir das schon Warnung genug sein sollen? Vielleicht.

KLAPPENTEXT

Die Polizei hat sie hergebracht, in die psychiatrische Abteilung des alten Wiener Spitals. Nun erzählt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Sie spricht vom Aufwachsen in der erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Vom Zusammenleben mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will. Auf den Vater allerdings ist sie nicht gut zu sprechen. Töten will sie ihn am liebsten. Das behauptet sie zumindest. Denn manchmal ist die Frage nach Wahrheit oder Lüge selbst für den Leser nicht zu unterscheiden.
Quelle: Hanser

MEINE MEINUNG

In „Vater unser“ geht es um eine junge Frau, die in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen wird und dort unverhofft auf ihren Bruder trifft. Nach der Lektüre dieses Buches bin ich mir allerdings gar nicht mehr so sicher, ob das wirklich nur ein Zufall war. Aber genau das macht dieses Buch aus: Man weiß die ganze Zeit über nicht, was Zufall oder Absicht ist, was wahr oder eine Lüge ist.

Selbst aus der Protagonistin, aus deren Perspektive erzählt wird, wird man nicht schlau. Dieses Ungewisse ist ein tolles Stilmittel, das den Leser wahnwitzige Vermutungen anstellen lässt. Aber es sorgt leider auch dafür, dass die Protagonistin unnahbar ist. Sie ist nicht wirklich greifbar und so ist es fast unmöglich, sich in sie hineinzuversetzen oder in die Geschichte einzutauchen.

SYLVIA PLATH 2.0?

„Vater unser“ erinnert mich nach dem Lesen an Sylvia Plaths „Glasglocke“, in dem es um eine Frau mit Depressionen geht, die mit fragwürdigen Methoden in einer Anstalt behandelt wird. Inhaltlich ist die Verbindung der beiden Bücher die psychische Erkrankung der Protagonistinnen, aber vor allem die Schreibstile ähneln sich sehr. Denn beide Bücher werden eher nüchtern erzählt, was vermutlich der Grund ist, weshalb mir auch „Vater unser“ nicht gefallen hat.

DAS GROSSE FINALE

Die Erlebnisse der Protagonistin in der Anstalt stehen in „Vater unser“ im Vordergrund. Der Anstaltsalltag wird beschrieben, aber es gibt auch immer wieder Rückblenden zu ihrer Kindheit. Diese Erinnerungen widersprechen sich aber immer häufiger und ergeben nur ein zerrissenes Bild.

Es wird erst gegen Ende deutlicher, was es mit der Protagonistin auf sich hat, was mit ihrem Bruder, ihrer Familie passiert ist. Während die Spannung vorher nur vor sich hindümpelte, hält das letzte Kapitel noch einen Paukenschlag bereit. Aber wie es so ist, manchmal kann selbst ein grandioses Ende das Bild, das man von einem Buch hat, nicht mehr ins positive umwandeln.

FAZIT

Thematisch hat mich „Vater unser“ total angesprochen. Eine Protagonistin mit fragwürdiger Einstellung, die aufgrund einer psychischen Erkrankung undurchschaubar ist, und Rückblicke, die einen mehr verwirrt zurücklassen als das Rätsel zu lösen, sind total vielversprechend. Doch leider blieb mir die Protagonistin und so auch die Handlung fern. Mir hat auch eine Danksagung gefehlt, in der man noch näheres über die Entstehung des Buches und die Hintergründe hätte erfahren können.

Da mir „Vater unser“ nicht wirklich viel gegeben und auch nach dem Lesen keine besonderen Gefühle zurückgelassen hat, würde ich es nicht unbedingt weiterempfehlen.


VATER UNSER von Angela Lehner

Hanser | 2019 | 284 Seiten
erhältlich als HardcovereBook

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