Oben
schauen

TOTE MÄDCHEN LÜGEN NICHT
Buch und Serie im Vergleich

So allmählich flaut der Hype um die Serie TOTE MÄDCHEN LÜGEN NICHT wieder ab, und auch die kritischen Meldungen online und offline werden weniger. Dennoch spricht die Serie nach wie vor ein wichtiges Thema an. Nachdem ich euch die Rezension schon vor Wochen präsentiert habe (hier könnt ihr sie euch noch einmal ansehen), habe ich die Serie nun auch endlich geschaut und möchte einen kleinen Vergleich anstellen.

Den Produzenten der Serie gebührt definitiv Lob – das sei vorweg schon einmal gesagt -, denn sie ist nahe am Buch gehalten. Das ist so eine Sache, an denen viele Verfilmungen scheitern. Bei TOTE MÄDCHEN LÜGEN NICHT ist das aber nicht der Fall. Das Skript hält sich fast genau an die Vorlage, und die meisten Abweichungen sind stimmig und machen so Sinn.

 

Ein gutes Beispiel dafür sind die Eltern.

Im Buch kommen sie überhaupt nicht vor. Das ist einerseits schade, denn gerade der Aspekt, wie die Eltern mit dem Tod umgehen, ob sie etwas gemerkt haben und wie die allgemeine häusliche Situation von Hannah war, ist sehr wichtig. Andererseits hat es im Buch keine Möglichkeit gegeben, die Eltern zu Wort kommen zu lassen. Denn im Buch geht es wirklich einzig um die Kassetten und es wäre sehr grausam gewesen, wenn den Eltern ebenfalls eine Kassette gewidmet worden wäre.

In der Serie bekommen sie ihren Platz und allein die schauspielerische Leistung der beiden Darsteller lässt alles so unglaublich echt wirken. Sie füllen ihre Rollen perfekt aus, sodass die Eltern zwar ihren wichtigen Platz in der Geschichte um Hannahs Tod bekommen, aber die eigentliche Haupthandlung – die Kassetten – nicht in den Hintergrund drängen.

 

Platz für Nebenhandlungen

Im Buch geschieht alles in einem relativ kurzen Zeitraum. Man hat kaum Zeit zum Durchatmen und wird von einer Kassette zur nächsten geschubst. In der Serie wurde auch viel Zeit für das Drumherum aufgewendet. Man lernt Clays Eltern kennen, erfährt in kurzen Sequenzen, dass er ebenfalls schon einmal psychische Probleme hatte, und bekommt auch mehr von der Freundschaft zwischen ihm und Tony mit. Auch, wie die Beteiligten miteinander umgehen und alles versuchen, um die Veröffentlichung der Kassetten zu verhindern, wird gut dargestellt. Es bildet sich sozusagen eine Clique um dieses Geheimnis. Gerade dieses Zwischenmenschliche in der Serie fand ich sehr gut ausgebaut und im Nachhinein hätte ich mir das auch bisschen mehr fürs Buch gewünscht.

 

Charakterliche Unterschiede

In erster Linie geht es um Clay, der die Kassetten zu Hannahs Selbstmord anhört und herauszufinden versucht, wieso er auf den Kassetten ist, bevor er seine hören muss. Dabei gibt es einige Unterschiede zwischen dem Clay im Buch und in der Serie.

Im Buch ist er ein schüchterner Junge, mit nicht allzu viel Freunden. Er ist zurückhaltend und himmelt quasi aus der Ferne seine Arbeitskollegin im Kino an. Die Beziehung zwischen Hannah und Clay wirkt im Buch eher wie eine Bekanntschaft, obwohl Clay eindeutig in sie verliebt ist. Hannahs Gefühle lassen sich durch die Kassette erahnen, aber werden nie wirklich angesprochen.

In der Serie ist das anders. Die beiden verbindet fast so etwas wie eine Freundschaft. Sie sprechen oft miteinander und beide sind deutlich ineinander verliebt, auch wenn sie selbst es nicht merken. Als Bekanntschaft lässt sich dieses Verhältnis nicht beschreiben.

 

Mehr als nur Vorstellung

Beim Lesen eines Buches ist die eigene Vorstellungskraft gefragt. Dementsprechend fallen die angedeuteten Szenen in TOTE MÄDCHEN LÜGEN NICHT wahrscheinlich bei jedem anders aus. Ich fand einige eher harmlos, oder besser gesagt reichte meine Vorstellung – die vielleicht noch etwas naives an sich hat – nicht so weit, dass ich verstanden hätte, wie drastisch einige Szenen sind.

In der Serie ist das anders. Hier bleibt nämlich nichts der Vorstellung überlassen. Die Warnhinweise am Anfang der kritischen Folgen empfinden vielleicht einige als übertrieben, aber in gewisser Weise haben sie doch ihre Berechtigung, denn einige Szenen sind hart. Einige Szenen können einen sehr treffen und beschäftigen. Einige Szenen öffnen einem die Augen, wie schlimm es wirklich um Hannah stand.

 

Starker Kontrast

Ich überlege noch, ob ich diesen Kontrast zwischen Buch und Serie gut finde oder nicht. Einerseits ist es wichtig, nichts von diesen Geschehnissen zu beschönigen. Denn es sind Dinge, die uns allen passieren können. Jeder von uns kann gemobbt werden, irgendjemand kann gegen jemanden von uns handgreiflich werden, man kann uns böse Streiche spielen, uns bedrängen oder schlimmeres. Es ist wichtig, dass in dieser Serie aufgezeigt wird, dass das alles möglich ist.

Andererseits sind einige Szenen wirklich hart. Und obwohl ich bei Filmen mit Gewalt gar nicht so empfindlich bin, hat mich die Serie zu TOTE MÄDCHEN LÜGEN NICHT doch schockiert. Vielleicht, weil es so alltäglich ist. Weil jeder von uns schon zur Schule gegangen ist, dort vielleicht geärgert wurde oder mehr.

 

Das Wort »Depression«

Depression ist ein Thema, das in der Öffentlichkeit immer noch nicht gerne angesprochen wird. Vermutlich ist es auch eine Krankheit, die nicht wirklich als eine wahrgenommen und von vielen nicht ernst genommen wird.

Auch in der Serie TOTE MÄDCHEN LÜGEN NICHT wird dieses Wort nicht wirklich genannt. Es wird klar, dass Hannah darunter leidet. Ihr ganzes Verhalten spricht dafür. Aber wieso wird es nicht ausgesprochen?

Verstehen Zuschauer, die nicht selbst von Depression betroffen sind oder Betroffene kennen, überhaupt, um was es geht? Wieso Hannah in so ein tiefes Loch gezogen wird und nicht mehr herauskommt?

 

Für Angehörige, nicht für Betroffene

Die Serie ist meiner Meinung nach ein guter Anfang, auf dieses Thema Aufmerksam zu machen. Die Serie ist wichtig! Nicht unbedingt für Betroffene selbst, da die Geschehnisse darin sie mehr bestürzen als ihnen helfen könnten. Aber sie ist wichtig für Angehörige. Denn wir müssen uns bewusst werden, dass ein einzelnes Wort – egal ob gesagt oder vielleicht sogar nicht gesagt – ausreicht, um das letzte rettende Fünkchen in einem Menschen zum Erlischen zu bringen.

 


 

Weitere Besprechungen:

Weltenwanderer | Brösels Bücherregal Meine Rezension

 


 

«

»

3 COMMENTS
  • Madame Lustig
    3 Jahren %1$s %2$s vor %3$s (%4$s)

    Hallo liebe Kate,
    ich habe weder das Buch gelesen noch die Serie geschaut, aber natürlich ist keins von beidem unbemerkt an mir vorbeigezogen. Und neugierig bin ich schon, das lässt sich nicht leugnen, aber ich scheue mich irgendwie, zu dieser Geschichte zu greifen. Nicht wegen des Themas, nein, sondern weil ich befürchte, dass sie zu hart und intensiv und aufwühlend sein könnte. Aber vielleicht packt es mich ja doch noch und dann bin ich sehr gespannt, ob ich dir in deinen Punkten zustimme oder nicht. 🙂

    Gant liebe Grüße,
    Maike

    • Kate
      3 Jahren %1$s %2$s vor %3$s (%4$s)
      Autor

      Hallöchen Maike,
      ich kann dir definitiv empfehlen, das Buch zu lesen/die Serie zu schauen, aber ich kann deine Sorgen nachvollziehen. Es ist aufwühlend und intensiv, die Serie wie ich finde noch mehr.
      Falls du dich dazu entscheiden solltest, wäre ich sehr gespannt auf deine Meinung! 🙂

      Liebste Grüße ♥

    • Madame Lustig
      3 Jahren %1$s %2$s vor %3$s (%4$s)

      Ich werde dir auf jeden Fall berichten! 😀
      Liebe Grüße,
      Maike

Was mache ich jetzt?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Newsletter

IMMER ALLES MITBEKOMMEN!
Erhalte eine Email bei neuen Beiträgen.


Kateastrophy sammelt deine eigegebenen Daten, um mit dir in Kontakt zu bleiben und dir Newsletter schicken zu können.

  • Anzeige. Vor ca. zwei Wochen habe ich dieses Buch beendet und ich bin irgendwie immer noch überfordert. Trotzdem habe ich jetzt endlich die Rezension geschrieben und auf meinem Blog hochgeladen (Link im Profil!).
Aber wie geht man mit so einem Buch um? Mit einem Buch, das von einer Vergewaltigung und den Folgen für die Frau handelt. Ein Buch, das kaum Unterhaltung bietet, weil es so weh tut. Das Lesen von "Scham" war ganz oft sehr beklemmend. Obwohl es so kühl geschrieben ist, fühlt man irgendwie trotzdem so viel von dem, was die Protagonistin fühlt.
Empfehlen lässt sich dieses Buch nicht einfach so, weil das Thema heftig ist, weil es heftig beschrieben wird, weil das Buch ganz, ganz sicher nicht für jeden etwas ist. Trotzdem bin ich froh es gelesen zu haben. Einfach wegen dem Gedankenstrudel, den es ausgelöst hat. Mehr zu meinen Gedanken dazu dann auf meinem Blog.
  • Ich wünsche euch einen wunderschönen Tag!
Gestern hatte ich überraschend frei und wollte eigentlich total produktiv sein und einen Beauty/Wellness-Tag einlegen. Stattdessen hab ich den ganzen Tag Animal Crossing gespielt. Hupsi 😬
Am Wochenende Versuch ich es dann nochmal, damit hoffentlich wieder Routine ins Bloggen kommt 😊
.
Was steht bei euch heute so an?
Ich muss vermutlich länger arbeiten und werde nebenbei lernen. Sehr spannend 🙄
.
.
📷: „Die Maske“ und „Der Revolver“ von Fuminori Nakamura (beide super, zweites bereits auf dem Blog rezensiert) und „Der Abgrund in dir“ von Dennis Lehane (noch ungelesen)
  • Anzeige. Ich hab gestern dieses Buch beendet und ... puh, das war echt hart. Ich kann nicht sagen, ob das Buch gut war, weil die Thematik so heftig und schlimm ist, dass man das kaum gut nennen kann.
Ich spreche hier ganz deutlich eine Triggerwarnung für Vergewaltigung und Kindesvernachlässigung aus. Denn es geht um eine Frau, die von ihrem Chef überwältigt wird und die, als sie schwanger wird, davon überzeugt ist, dass das Kind von ihrem Vergewaltiger ist und nicht von ihrem Mann. 
Von da an befindet sie sich in einem Kreislauf, in dem mal alles gut läuft, sie ihre Routine findet, und in dem dann wieder alles schrecklich läuft, weil sie ihr Kind nicht lieben kann und allen etwas vorspielt.
Dieses Buch war so, so schlimm, weil Marie mit all dem alleine war, obwohl sie eigentlich nicht alleine ist. Aber sie hatte nicht den Mut, sich jemandem anzuvertrauen.
Beschrieben wird das alles in einem sehr kühlen Ton. Dieser Abstand zur Protagonistin ist beim Lesen aber vielleicht ganz gut, weil man es sonst kaum ertragen könnte.
Für eine Rezension muss ich mir noch meine Gedanken machen, aber so viel sei schon gesagt: ich kann es empfehlen, aber man sollte sich darüber im Klaren sein, dass diese Geschichte definitiv kein Zuckerschlecken ist.
  • Ich hab’s schon mal erwähnt: Mein Blog ist im März fünf Jahre alt geworden und jetzt gibt es auch einen Beitrag dazu 😊 Den Link findet ihr wie immer in meinem Profil!
.
Ansonsten wünsche ich euch einen schönen Wochenstart. Und an alle, die wie ich rausmüssen: Haltet durch ♥️
(Ich fahre gerade in die Arbeit und auch an der dritten Haltestelle ist niemand zugestiegen ... gruselig 😖)
  • Gestern war #Schreibnacht und ich habe sie im Videocall mit den Chatadias verbracht. Wer hätte gedacht, dass wir wirklich so viel schreiben und uns nicht nur gegenseitig ablenken würden? Es hat so gut getan, diese Atmosphäre zu spüren, wenn jeder in sein Manuskript vertieft ist. Vor allem hat es so gut getan, nach drei Wochen Pause endlich wieder zu schreiben 😍
Auf dem Bild steht ihr einen Ausschnitt aus dem Pinterestboard zu meinem aktuellen Projekt. (Link ist im Profil)
Und hier noch ein dickes fettes Danke an die #Chatadias dafür, dass wir uns so lange kennen, dass uns das Schreiben so verbindet und dass ihr der Grund seid, weshalb ich immer noch an diesem Traum festhalte ♥️♥️
.
Wer von euch schreibt auch?
  • Ich wünsche euch ein wunderschönes Wochenende! ♥️
Ich verbringe meines mit Bloggen, lesen, schreiben und hoffentlich Animal Crossing. Oh ja, und mit viel Kaffee 😍 habt ihr Lust, dass ich euch mal ein Wochenende mitnehme? Ich habe eh das Gefühl, in den Storys in letzter Zeit zu inaktiv zu sein. Lasst es mich gerne wissen 😊
Übrigens poste ich gerade mein Lieblingsbild von euch, wenn ihr mit einem ♥️ auf meine Story reagiert!
.
Wie sieht euer Wochenende aus?
.
.
P.S. In Bayern herrschen jetzt Ausgangsbeschränkungen. Ist für viele ein großes Ding, aber ich denke nur so: juhuuu, endlich die Erlaubnis die ganze Zeit auf dem Sofa rumzugammeln. Ohne schlechtes Gewissen, dass man ja auch mal rausgehen sollte 🙈😂
  • Ich schicke euch ganz liebe Grüße!
In Bayern wird jetzt der Katastrophenfall ausgerufen. Das heißt, alle Läden schließen, außer natürlich Supermärkte und Apotheken.
Ich bin gerade auf dem Weg zur Arbeit und kann das alles gar nicht realisieren. Alles wirkt so normal, die Sonne scheint. Aber man merkt schon, dass weniger Leute unterwegs sind. Kommt mir vor, als würde ich einen Thriller lesen, in dem es um ein Supervirus geht ... hab ich übrigens erst vor ein paar Wochen. Aber ob auf „Cold Storage“ jetzt noch jemand Lust hat?
.
Jedenfalls: passt auf euch auf! Geht kein unnötiges Risiko ein und denkt an eure Mitmenschen ♥️ und lest ganz viel. Wenn ihr mich fragt, gab es nie einen besseren Grund, in andere Welten zu fliehen 📖
  • Auf dem Blog gibt es neue Leselaunen und damit kurze Meinungen zu allen Büchern, die ich zuletzt gelesen habe oder gerade lese. Mit dabei „Die Maske“ von Nakamura 😊
Das Schreiben hat so Spaß gemacht und ich freu mich jetzt wieder richtig aufs Bloggen 😍 In den Leselaunen verrate ich übrigens auch, welche Beiträge ich demnächst schreiben will 😊